Der Vormittag

 

Inklusion beginnt im Kopf.

 

Aktion in der Fußgängerzone

Wolfenbüttel, 9:00-13:00

Samstag, 7. Mai 2011

 

"Menschen mit Behinderung arbeiten am besten in Behindertenwerkstätten!" oder "Behinderte Menschen können entscheiden, wo und mit wem sie wohnen möchten!"

 

Diese zum Teil provokante Thesen stehen auf großformatigen Tafeln der Aktion Mensch.

 

Dieser Tag steht in diesem Jahr unter dem Motto "Inklusion beginnt im Kopf". Denn nur wenn die Barrieren im Kopf verschwinden, kann echte Inklusion entstehen. Inklusion bezeichnet die gleichberechtigte Teihabe von Menschen mit und ohne Behinderung am gesellschaftlichen Leben von Anfang an.

 

In diesem Jahr findet der Aktionstag im Rahmen einer neuen, groß angelegten Inklusions-Kampagne der Aktion Mensch statt. Rund um den 5. Mai sind alle Verbände und Organisationen der Behindertenhilfe und -selbsthilfe aufgerufen, Aktionen zum Thema Inklusion zu veranstalten. Dabei verfolgen die aus Mitteln der Aktion Mensch geförderten Veranstaltungen unterschiedliche Ziele. So sollen Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe insbesondere in den Bereichen Arbeit, Bildung, Barrierefreiheit, Freizeit und Wohnen dargestellt und diskutiert werden.

 

Bei den Aktionen finden die Besucher auch die Tafeln mit provokanten Aussagen wieder. Auf den überdimensionalen Wänden können Interessierte mit Hilfe eines selbstklebenden bunten Punktes über die teils provokanten Thesen abstimmen. Damit wollen die Verbände und Organisationen Diskussionen über das gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen mit und ohne  Behinderung anstoßen.

Auszug aus der Pressemitteilung der Aktion Mensch, Bonn, 5. Mai 2011

 

 


 

 

Also machten auch wir uns an die Arbeit. Das sehr umfangreiche und ansprechende, von der Aktion Mensch gelieferte Material, erwies sich als "Magnet". Im Vorfeld hatten wir uns Gedanken gemacht, wie wir die Passanten für das Thema Inklusion interessieren und zur Teilnahme an der Abstimmung über die Thesen motivieren könnten. Eine unbegründete Sorge: Trotz guter Standbesetzung war es zeitweise gar nicht möglich, allen interessierten Bürgern und Bürgerinnen gerecht zu werden.

 

Die angebotenen Thesen boten so viel Diskussionsstoff, dass die Menschen oft lange an unserem Stand verweilten, eigene Sorgen und Probleme zur Sprache brachten und oft auch untereinander Erfahrungen und Meinungen austauschten. In einigen Fällen konnten wir mit Tipps und Verweisen auf bestimmte Hilfsangebote sogar vor Ort weiterhelfen.

 

 

 

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Erfreut waren wir über die vielen*, gut informierten Besucher, für die das gleichberechtigte  Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung ein berechtigtes und unterstützenswertes Anliegen ist. Anhand der zum Teil provokanten Thesen wurde viel diskutiert, häufig mit dem Ergebnis, dass die gegenwärtige Lebenssituation von Menschen mit Beeinträchtigungen noch drastisch von einer gleichberechtigten Teilhabe abweicht. Auch auf den Inklusionstafeln nicht erwähnte Bereiche wurden diskutiert und die fehlende Möglichkeit der Teilhabe bemängelt. An (manchmal ungewöhnlichen) Ideen, wie eine gleichberechtigte Teilhabe von Anfang an verwirklicht werden könnte, mangelt es in Wolfenbüttel nicht!

 

Ein gelungener Vormittag, in dessen Verlauf auch Politiker, wie der Landrat Herr Röhmann (s. Foto oben rechts) oder die stellvertretende Bürgermeisterin Frau Rühland unseren Stand besuchten und sich an der Abstimmung mit den Inklusionstafeln beteiligten. Beiden wurden Inklusionsmappen mit umfangreichem Material überreicht. Auch Frau Weddige-Degenhard (MdL und u.a. Mitglied im Kultusausschuss) gehörte zu den interessierten Besuchern.

 

 

Das Ergebnis

 

Inklusionstafeln1      Inklusionstafeln2     Inklusionstafeln3     Inklusionstafeln4

 

 

Einige der Inklusionstafeln zeigen eindeutige Ergebnisse. Tafel 1 "Behinderte Schüler beeinträchtigen nicht das Lerntempo von Schülern ohne Behinderung." liegt bei den Zustimmungen mit 89 roten Punkten erfreulicherweise an zweiter Stelle. Oft allerdings folgte der Nachsatz ",...wenn kindgerecht unterrichtet wird..", oder "...mit einem guten Konzept und guten Lehrern, klappt das auf jeden Fall". Dem können wir nur zustimmen, denn gute Bedingungen sind Voraussetzung für das Gelingen von Inklusion. Zu unserer Freude kamen einige sehr skeptische "Punkteverteiler", durch unsere Argumente, dann doch ins Wanken.

 

Die Tafeln 2 - 4 zu den Themen Wohnen, Barrierefreiheit und Freizeit sorgten zum Teil für Verunsicherung. Die These zur Barrierefreiheit konnten die meisten Befragten nachvollziehen und sie wurde eher kritsch beurteilt.  Äußerungen zu Wohnen und Freizeit dagegen  waren beispielsweise: "Das weiß ich gar nicht so genau...", "Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht..", oder mündeten in die Frage "Wie ist das denn heutzutage..?". Auf jeden Fall wurde immer viel diskutiert und nachgefragt. Also auch hier: Ziel erreicht!

 

"Der gleichberechtigte Zugang von Menschen mit Behinderung zum ersten Arbeitsmarkt ist ein Menschenrecht." Hier mochte kaum einer widersprechen. Mit 95 roten Punkten erhielt diese These die größte Zustimmung.

 

Der These zu den Behindertenwerkstätten stimmten immerhin 21 Befragte zu. These 7 und 8 landeten (zum Glück) auf den letzten Plätzen.

 

So ergibt sich ein recht gutes, natürlich sehr grobes und vereinfachtes Stimmungsbild. Eine breite Zustimmung im Hinblick auf Menschenrechte, aber auch Verunsicherung und "Nichtwissen" bei Themen, denen nicht Betroffene im Alltag eher selten begegnen - ein deutliches Indiz dafür, dass Inklusion noch nicht in der Gesellschaft angekommen ist. Auf der anderen Seite finden die eindeutig ausgrenzenden Thesen kaum Zustimmung, so dass wir vielleicht zuversichtlich sein können, dass sich noch ganz viel in Richtung Inklusion bewegt.

 

 *Eigene Fotos vom gut besuchten Stand konnten wir aus Zeitmangel nicht mehr machen. Auch die anfängliche Zählung der abstimmenden Besucher mussten wir aus demselben Grund abbrechen.